Schiebe nichts auf morgen, tu es gleich!

Bis zum 31.01.2017 - 50 Plakate aus der "Wirtschaftswunderzeit" der 1950er Jahre im Kreishaus I in Altena

Mitarbeiterdisziplin zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam die deutsche Wirtschaft nur langsam wieder in Schwung.  Die Versorgung mit Lebensmitteln, Konsum- und Produktionsgütern war unzureichend, Preise und Arbeitslosigkeit stiegen bedrohlich an, die Löhne blieben niedrig. Bis zur Vollbeschäftigung, dem Mitbestimmungsgesetz und dem „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre herrschte in den Betrieben ein rauer Befehlston.

Aufklärungsplakate mit einschüchternden Forderungen und unmissverständlichen Motiven wurden vor allem in Unternehmen der verarbeitenden Industrie ausgehängt – auch im heutigen Märkischen Kreis. Sie sollten die Mitarbeiter disziplinieren und das Betriebsklima im Sinne des Arbeitgebers beeinflussen. Die präsentierte Serie von 50 Plakaten stammt aus dem Archiv der Firma Franz H. Stromberg (Altena) im Kreisarchiv des Märkischen Kreises. Bis zu seiner Produktionsstättenverlagerung 1974 betrieb das Unternehmen jahrhundertelang in der Nette eine Drahtzieherei und war auch im Draht- und Eisenhandel tätig.

Die wöchentlich wechselnden Plakate vertrieb die Industria GmbH in Berlin, die sich selbst als „psychologischer Industrie- und Handelsdienst“ bezeichnete. Der Gründer Erwin von Kuk (* 1905) war auch Herausgeber der Wochenzeitschrift „Industriekurier", ein Interessenblatt der deutschen Industrie. Gedruckt wurden die Plakate von der Hansa Druck und Verlag, Berlin. Sie produzierte seit 1946 Werbe- und Informationsmaterialien für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) in der sowjetisch besetzten Zone.

Die Plakatentwürfe erinnern stilistisch an die 1920er und -30er Jahre, in denen für die Werbung und Massenaufklärung ein realistischer, drastischer Plakatstil entwickelt wurde. Tatsächlich ist die Firmentätigkeit der Industria GmbH noch bis Anfang der 1970er Jahre nachweisbar. Das Unternehmen beschäftige mehrere, leider unbekannte Grafiker. Ihre Stile und Designs lehnen sich bisweilen an Filmplakate aus der Weimarer Zeit sowie an Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert an.

Ein Beispiel hierfür ist die Darstellung des dämonischen und anklagen Schreckgespenstes, das nachts schwer auf der Brust des nachlässigen Angestellten und seinen unbearbeiteten Papieren lastet. Er erinnert an den berühmten Kupferstich „Le Cauchemar" („Der Albtraum") von Jean Pierre Simon (1810). Dass ein Problem wie die Schlaflosigkeit durch Überlastung thematisiert wird, scheint fortschrittlich. Doch der Rat klingt simpel: „Schiebe nichts auf morgen, tu es gleich.“ Von modernen Techniken des Zeitmanagements ist diese Aufklärung noch weit entfernt!

Nur wenige Plakatmotive dienen dem Arbeitsschutz; vorherrschend ist ein moralisierender Befehlston, unmissverständlich hervorgehoben durch Ausrufezeichen! Die „gutgemeinten Ermahnungen" der Betriebsleitung beschränken sich nicht allein auf Betriebsprobleme wie Zusammenarbeit, Diebstahl, Nachlässigkeit  oder Unpünktlichkeit, sondern appellieren auch an gewünschte Verhaltensweisen im Privatleben: „Jähzorn schadet Dir und Deinem Ruf. Beherrsche Dich!" oder „Verdrießlich? Zum Lächeln gehört oft Mut" lauten die Handlungsanweisen der Arbeitgeber – zum Wohle des Betriebs.

Die Tonfall und die Ansprache der Arbeitgeber haben sich seither verändert – die Botschaften auch? Laut einer aktuellen Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK beklagen rund 70 % aller Arbeitnehmer die geringe Wertschätzung ihrer Arbeit, zu wenig Lob von Seiten der Führungskräfte und eine mangelhafte Kommunikation über Veränderungsprozesse. Dabei gefährdet eine schlechte Unternehmenskultur die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und verursacht einen Anstieg krankeitsbedingter Fehlzeiten – so wie damals, so auch heute!

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Zuletzt aktualisiert am: 14.11.2016