„Ich wollte nur, dass endlich Ruhe ist!“

Podiumsdiskussion zum Thema Schütteltrauma in der Aula des Schulzentrums Raithelplatz in Lüdenscheid. Foto Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Podiumsdiskussion zum Thema Schütteltrauma in der Aula des Schulzentrums Raithelplatz in Lüdenscheid. Foto Mathis Schneider/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 08.11.2018
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Schütteltrauma bei Kleinkindern ist ein aktuelles und wichtiges Thema. In 2017 wurden deutschlandweit um die 3500 Fälle registriert, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Schätzungen gehen von 20.000 bis 100.000 Fällen pro Jahr aus. Um präventiv aufzuklären und passende Hilfen anzubieten, richtete der Märkische Kreis in Kooperation mit dem Märkischen Kinderschutz-Zentrum in Lüdenscheid eine Tagung für Fachkräfte aus dem sozialen Bereich unter dem Titel „Vorsicht Zerbrechlich!“ aus. Das Thema waren frühkindliche Misshandlungen, elterliche Überforderung und passende wertvolle Hilfen. In ihren einleitenden Worten wies Iris Beckmann-Klatt, Leiterin des Fachbereichs Jugend und Soziales des Märkischen Kreises, darauf hin, dass heutzutage das mediale Bild einer heilen Welt mit zufriedenen Babys und glücklichen Eltern den Blick für die Realität verstelle. „Kinder schreien und Kinder nerven, das ist ganz normal“, sagte sie und betonte, wie wichtig der präventive Kinderschutz ist, wenn "bei Eltern Hilflosigkeit herrscht und die Nerven versagen."  Dabei verwies sie auch auf die verschiedenen Anlaufstellen und Beratungsmöglichkeiten für junge Eltern.


Im Einstiegsvortrag zeigte Professorin Dr. Heidi Pfeiffer, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Münster,  den rund 120 Teilnehmern welche Formen von Misshandlung vorkommen und als solche erkannt werden können. An Fallbeispielen erläuterte sie die rechtsmedizinische Bearbeitung und Dokumentation von Kindesmisshandlung und strich die Bedeutung von Prävention und Zusammenarbeit aller Institutionen heraus. Besonderen Fokus legte sie hierbei auf das Schütteltrauma, als eines der häufigsten Vorkommnisse bei überforderten Eltern. Die Rechtsmedizinerin zeigte auffällige Verletzungsmuster auf, die in Verdachtsfällen ausschlaggebend für ein Eingreifen im Sinne des Kinderwohls sind. Nicht immer sind die Verletzungen eines Schütteltraumas äußerlich sichtbar, ziehen aber möglicherweise schwere Schädigungen des Gehirns oder des Nervensystems nach sich.


Nicht zu unterschätzende Gründe für die steigenden Fallzahlen sieht Pfeiffer in der verbesserten Aufklärung und dem wachsende Bewusstsein für den Kinderschutz in der Gesellschaft. Im Märkischen Kreis ist der signifikante Anstieg seit 2014 zu beobachten, auch wenn die Anzahl der Prüfverfahren auf eine Kindesmisshandlung im vergangenen Jahr leicht gesunken ist (Von 433 in 2016 auf 387 Verfahren in 2017).


In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Ansgar Röhrbein vom Märkischen Kinderschutz-Zentrum in Lüdenscheid wurde der Umgang mit Kinderschutz von verschiedenen Experten vorgestellt. Ziel war es, "die Vorgänge in anderen Institutionen zu verstehen und zu sehen wie notwendig Vernetzung und Aufklärung auf allen Ebenen ist". Johannes Kirchhoff, Familienrichter am Amtsgericht in Lüdenscheid, berichtete von der juristischen Aufarbeitung und zeigte auf, dass nur eine aussagekräftige medizinische Dokumentation der Sachlage und gute Kommunikation aller Beteiligten untereinander zu einer Aufklärung führt. Als Vertreter der Kinderklinik in Lüdenscheid nahm Direktor Dr. Holger Frenzke an der Gesprächsrunde teil. Er sieht bei Verdachtsfällen die örtlichen Kinderärzte als erste Ansprechpartner für die Institutionen. Ebenfalls betonte er, dass „Netzwerke wie diese ihn sehr zuversichtlich für den Kinderschutz stimmen“.


Sylvia Köster, Diplom-Pädagogin im Kinderschutz-Zentrum, erzählte beispielhaft von Herangehensweisen in Verdachtsmomenten und Wegen der Aufklärung und Prävention im Alltag der Fachkräfte. Sie forderte, "Beratung so früh wie möglich anzusetzen". Kim Heinzer,  Kinderschutzkoordinatorin des Kreisjugendamtes, lobte den „aufschlussreichen und greifbaren Vortrag von Frau Professor Dr. Pfeiffer“ und berichtete von der guten Netzwerk-Arbeit im Märkischen Kreis. Sie sei sehr froh, dass das Angebot von so vielen Teilnehmern angenommen wird. Zum Abschluss waren alle Anwesenden eingeladen, ihre Fragen an die Expertengruppe zu richten und gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Die Teilnehmer der Podiumsrunde waren sich einig, dass mit den bestehenden Strukturen ein positiver Blick in die Zukunft geworfen werden könne, aber man gemeinsam noch viel Arbeit für den Kinderschutz vor der Brust habe.


Weitere Informationen bei Kim Heinzer, telefonisch unter 02351-9666626, oder per E-Mail unter k.heinzer@maerkischer-kreis.de.

Zuletzt aktualisiert am: 08.11.2018