Trauer und Tod im Wandel der Zeit

Das kunstvolle Deckblatt der Traueranzeige von Prinzessin Anna-Marie, die im Jahr 1671 gestorben ist. Quelle: Kreisarchiv. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Das kunstvolle Deckblatt der Traueranzeige von Prinzessin Anna-Marie, die im Jahr 1671 gestorben ist. Quelle: Kreisarchiv. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 23.11.2018
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Anhand einiger Originaldokumente aus dem Kreisarchiv zeigt die Leiterin Dr. Christiane Todrowski den Umgang mit dem Ableben und die Veränderungen der Begräbnis- und Trauerkultur seit dem 17. Jahrhundert auf. „In früheren Zeiten war die Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens komplett anders. Die Menschen hatten einen unmittelbareren Bezug zum Sterben, was mit der höheren Sterblichkeitsrate zusammenhängt. Im 16. Jahrhundert war es normal, dass die Aufbahrung und Waschung der Toten im eigenen Heim stattfand. Heutzutage ist das für viele Menschen undenkbar“, erklärt Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski und streicht den Unterschied zur heutigen Trauerkultur heraus. In der modernen Gesellschaft sterben viele Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen.
„Eine adlige Beerdigung im 16. oder 17. Jahrhundert war ein öffentlich inszeniertes Schauspiel und hatte einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Die Öffentlichkeit hatte ein großes, wenn auch aus heutiger Sicht morbides, Interesse am Tod einer wichtigen Person“, berichtet Todrowski. Als Beispiel zeigt die Archivarin eine 50-seitige protestantische Trauerschrift aus dem Jahr 1671, die im Rahmen des Todes der Prinzessin Anna-Marie von Sachsen-Weißenfels erschien. Seit der Reformation waren Leichenpredigten bei Beerdigungen ein gängiger Brauch. Adlige und Wohlhabende druckten diese mit einer Berichterstattung über die Beerdigung und biografischen Informationen über den Verstorbenen ab. Auch die Beerdigung der Prinzessin löste eine große Anteilnahme aus. Die Chronik berichtet, dass die Kirche aufgrund des großen Andranges bei der Aufbahrung geschlossen wurde. Neben kunstvollen und detaillierten Abbildungen der aufgebahrten Toten und des Sarges gibt es in dem Buch eine exakte Beschreibung des Trauerzuges. „Wer im Trauerzug vorne mitging, hatte einen höheren Status, als jemand, der ganz hinten aufgezählt wurde. Damit wurde Politik gemacht“, weiß Dr. Todrowski.
Die Prinzessin von Sachsen-Weißenfels starb bereits mit 17 Jahren. In gedruckten Leichenpredigten wurde auch ausführlich über die Lebensgeschichte der Verstorbenen berichtet. Bei Prinzessin Anna-Marie beschränken sich die Informationen auf das Aufwachsen bei ihrer Tante. Sie litt, der Quelle zufolge, ihr Leben lang an „Mattigkeit“ und ihr Tod zeichnete sich frühzeitig ab. „Beispielhaft ist in dieser Trauerschrift der dargestellte Umgang der Sterbenden mit ihrem bevorstehenden Ableben. Es war von großer Wichtigkeit, dass sie den Tod mit Fassung trägt und nicht darüber klagt – ganz gemäß den damaligen Konventionen eines gottesfürchtigen Lebens“, erzählt die Kreisarchivarin. Die besondere Leichenschrift ist in Besitz des Archivs des Märkischen Kreises, da die Regenten von Sachsen-Weißenfels Anspruch auf die Grafschaft Mark meldeten.
Auch im 20. Jahrhundert hatten Beerdigungen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Die Menschen begannen lange im Voraus für das Begräbnis zu sparen. Exemplarisch zeigt Todrowski eine Sammlung von katholischen Todesanzeigen aus dem Raum Balve von 1900 bis 1990. Bei Beerdigungen oder Trauerfeiern lagen kleine persönliche Anzeigen aus, die einen Blick auf das Leben des Verstorbenen ermöglichten: die Anzahl der Kinder, das soziale Engagement, der Beruf oder auch die Todesursache. Auch militärische Ränge oder Orte der Stationierung in den Weltkriegen wurden erwähnt. Während der Kriegszeiten gaben bestimmte Umschreibungen Auskunft über die politische Einstellung der Familien, oder über die Todesursachen. So stirbt eine junge Familie in Dortmund durch ein „tragisches Geschicks“, was auf den Tod während der Bombardierung durch die Alliierten hinweist. Die im kleinen Format gedruckten Trauerschriften waren preiswert und konnten dadurch weit verbreitet werden. Sie ergänzten die Traueranzeigen in den Zeitungen. Heutzutage geht der Trend, so Todrowski, zu preiswerten und weniger klassischen Bestattungsangeboten, wie Feuerbestattung oder ein anonymisiertes Begräbnis.
„Diese Stücke aus dem Archiv sind unter anderem für die Kunstgeschichte, Familien- und Biografieforschung sowie Sozialgeschichte interessant. Sogar aus militärgeschichtlicher und medizinischer Sicht bieten die Dokumente spannende Einblicke in vergangene Zeiten“, schließt Todrowski. Sie erinnert auch gerne daran, dass das Kreisarchiv Dokumente aus Nachlässen ohne Kosten annimmt, um das Zeitgeschehen im Kreis für die Nachwelt zu erhalten.

Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski zeigt die besondere Trauerschrift aus dem Archiv. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski zeigt die besondere Trauerschrift aus dem Archiv. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 23.11.2018