„Früher war mehr Lametta“

Ein junges Mädchen bestaunt unter dem geschmückten Weihnachtsbaum ihre Geschenke (1934). Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis
Ein junges Mädchen bestaunt unter dem geschmückten Weihnachtsbaum ihre Geschenke (1934). Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 30.11.2018
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Dank der Fotosammlungen der Fotografenfamilie Streiter aus Balve, und der Familie Böhm aus Herscheid kann Archivar Ulrich Biroth einige typische Besonderheiten der Weihnachtszeit im letzten Jahrhundert aufzeigen. „Diese beiden Sammlungen, die wir aus Nachlässen erhalten haben, bieten Aufschluss über das damalige Leben“, macht Biroth deutlich und weist darauf hin, dass Fotos um 1900 noch keine Selbstverständlichkeit, sondern nur finanzkräftigen Bevölkerungsschichten vorbehalten waren.
„Ab dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich die private Fotografie in der gehobenen Mittelschicht. Ende des 19. Jahrhunderts kosteten sechs Portraitaufnahmen umgerechnet noch 35 Pfund Roggenbrot – was den erheblichen Preisaufwand verständlich macht“, erklärt Biroth.
Besonders wichtig waren schon damals die Geschenke, die stolz präsentiert wurden. Auf Fotos der Familie Böhm kehrt beispielsweise regelmäßig das Motiv einer Puppenstube wieder, die ein junges Mädchen 1933 zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. „Wahrscheinlich hat sie jedes Jahr ein Teil dazu bekommen. Früher waren Bücher und praktische Sachen beliebte Geschenke. Spielzeug war teuer und fand sich daher nicht so oft unter dem Baum“, weiß Biroth. Die wirtschaftliche Situation hatte großen Einfluss auf die Geschenke.
Wie sich auf den Fotos zeigt, kam schon früher die ganze Familie um den Christbaum und die darunterliegenden Geschenke zusammen. Begonnen hat dieser heimelige Brauch in der Zeit des Biedermeiers vor 200 Jahren. Verändert hat sich allerdings die Art des Schmückens und die Größe: Wenn heute große Tannen beliebt sind, wurden früher kleinere Bäume auf dem Tisch als Weihnachtsschmuck benutzt. Die ersten Nachweise von Tannenbäumen an Weihnachten sind aus dem 17. Jahrhundert. Im Märkischen Kreis ist der erste 1837 in Altena dokumentiert. Zunächst war es ein protestantischer Brauch, der sich um 1900 im katholischen Raum ausbreitet. Dekoriert wurde schon früh mit Kugeln und Süßigkeiten. Auch die Beleuchtung des Baumes hat sich bewährt. Ab der Erfindung des Stearins 1818, was eine preiswerte Kerzenproduktion ermöglichte, wurde der Baum mit Kerzen geschmückt. Die zuvor genutzten Bienenwachskerzen konnten sich nur Wohlhabende leisten. Üppiges und aufwendiges Schmücken, wie es heute üblich ist, beginnt in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. „Früher war wirklich mehr Lametta“, wie der Archivar passend den berühmten Loriot-Sketch zitiert. Lametta wurde seit ungefähr 1800 als Symbol für Engelshaar zum Schmücken benutzt.
Weihnachtskarten werden schon im 19. Jahrhundert verschickt. Damals beliebte Motive lassen sich heute noch finden: Engel, Winterlandschaften, Rentiere oder auch fröhliche Kinder, wie Biroth anhand eines antiken Postkartenalbums aus dem frühen 20. Jahrhundert erläutert. „Früher wurden Postkarten, als etwas Besonderes, in Alben aufbewahrt. Heute ist es selten, dass Postkarten lange aufbewahrt werden“, erzählt der Archivar. Der Weihnachtsmann ist noch nicht auf den teils 100 Jahre alten Karten vertreten.
Interessant ist, dass Fotos bis circa 1920 direkt als Postkarten gedruckt wurden – auf der Rückseite des Fotos waren Felder für Anschrift, Briefmarke und Text. Auf einem Foto der Kinder der Familie Streiter lässt sich im Hintergrund ein weihnachtlicher Gruß lesen.
Wer selber mal unter dem Suchwort „Weihnacht“ stöbern möchte, kann dies in der digitalen Bilddatenbank des Märkischen Kreises tun. Insgesamt sind rund 22.000 Dokumente einzusehen, während laufend eingepflegt wird. Die Datenbank ist mittlerweile seit drei Jahren frei zugänglich online. Im Besitz des Kreisarchivs sind über 150.000 Fotos und Negative. Weitere Informationen und Zugriff auf die Datenbank unter www.maerkischer-kreis.de.

Karlheinz und Friedbert Streiter mit ihren neuen Spielzeugen an Weihnachten 1935 in Balve. Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis
Karlheinz und Friedbert Streiter mit ihren neuen Spielzeugen an Weihnachten 1935 in Balve. Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis
Eine Weihnachtskarte von 1901 zeigt Engel in einer Winterlandschaft. Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis
Eine Weihnachtskarte von 1901 zeigt Engel in einer Winterlandschaft. Foto: Kreisarchiv/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 30.11.2018