Polen klauen doch nicht

Wie 8 Tage Kulturaustausch uns verändert haben

Das Eichendorff-Zentrum im polnischen Partnerkreis Ratibor zeigte den Schülern die kulturelle Verbindung zwischen Deutschen und Polen auf. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Das Eichendorff-Zentrum im polnischen Partnerkreis Ratibor zeigte den Schülern die kulturelle Verbindung zwischen Deutschen und Polen auf. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 06.12.2018
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Die deutsche Vergangenheit ist im polnischen Ratibor nicht zu verleugnen. Im Rahmen des „Jugend-Journalisten-Projekts, das der Märkische Kreis gemeinsam mit dem polnischen  Partnerkreis organisiert hat, konnten wir Oberstufenschüler aus zwei Lüdenscheider Gymnasien, Christian Geng, Jonas Leiber und Enes Senkulak, uns auf die Spuren der deutsch-polnischen Vergangenheit begeben.


In Begleitung von Geschichtslehrer Thomas Miebach, der Partnerschaftsbeauftragten  Isabelle Schöneborn und Ursula Erkens, Pressereferentin des Märkischen Kreises flogen die drei Autoren im Herbst dieses Jahres nach Polen. Der Kreis Ratibor liegt im früheren Oberschlesien. Im Zuge des Projektes fand auch ein Gegenbesuch dreier Schüler/innen aus Ratibor in Deutschland statt.


Auf dem Austausch-Programm standen Besichtigungen in verschiedenen Museen wie dem Eichendorff Zentrum in Lubowitz oder dem ehemaligen Gefangenenlager Stalag VI in Hemer.  Aber auch beim Besuch der städtischen Schule „II Liceum Ogólnokształcące“ in Ratibor sind schnell die Überbleibsel der ehemalig deutschen Geschichte der Stadt und der Region deutlich geworden.


Ein Beispiel für die kulturelle Verbindung des polnischen und deutschen Lebens in Schlesien stellt der Dichter Eichendorff dar: Joseph Freiherr von Eichendorff war ein deutscher Dichter des Neunzehnten Jahrhunderts. Er lebte im heutigen polnischen Lubowitz, und mit Werken wie der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ sowie zahlreichen romantischen Gedichten wurde er zum Stolz der deutschsprachigen Bevölkerung Schlesiens. Das macht der Besuch im Eichdorff-Zentrum in Lubowitz deutlich. Eichendorff ist im Bewusstsein der schlesischen Bevölkerung sehr präsent. Er ist so angesehen, dass seine Texte ins Polnische übersetzt wurden. Dabei genießt der deutschsprachige Dichter anscheinend mehr Aufmerksamkeit in Schlesien als in Deutschland. Dennoch führt er die Kulturen zusammen. Beim Studium des Familienstammbaums fiel uns auf, dass die lebenden Nachfahren von Eichendorff in Iserlohn geboren wurden  und zum Teil noch heute in der größten Stadt des märkischen Kreises leben.


In Ratibor wurde 2003 sogar eine Kopie des Eichendorff-Denkmals von Johannes Boese an der Mitzkiewitsch-Straße wieder aufgestellt. Die Roten Armee hatte das Original bei ihrem Einmarsch in Ratibor im Frühjahr 1945 abgetragen. Für dieses Denkmal stark gemacht hat sich  unter anderen Willibald Fabian, der für einige Jahre hier im Märkischen Kreis in Werdohl gelebt hat. Fabian ist Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit und Mitbegründer des dazugehörigen „Deutschen Freundeskreises“. Dieser Verein setzt sich für die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen und den Erhalt der deutschen Relikte ein. Willibald Fabian nutzte seine politische Stellung im polnischen Parlament, dem Sejm, um die Ziele des Freundeskreises zu verwirklichen.


Im Kontrast zu den Zielen des Deutschen Freundeskreises konnten die Schüler aber auch Beispiele der antideutschen Haltung der Sowjets und Polen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit wahrnehmen: Neben dem Eichendorff-Zentrum in Lubowitz befindet sich eine Ansammlung von deutsch beschrifteten Grabsteinen, aber auf vielen Steinen sind nach dem Zweiten Weltkrieg die deutschen Inschriften durch die Rote Armee unkenntlich gemacht worden.


Die Ablehnung der Polen gegenüber den deutschsprachigen Schlesiern war nach 1945 zunächst sehr verbreitet. Die Gräben zwischen den Kulturen waren durch die Geschichte, insbesondere den beiden Weltkriege, äußerst tief. Umso erfreulicher ist es, dass sich die Beziehungen untereinander nach der Abkehr vom kommunistischen Regime und im Zuge der Demokratisierung im Lauf der Zeit positiv verändert haben. Das bestätigt eine kleine Umfrage, die wir an der Schule in Ratibor durgeführt haben. Eine Mehrheit der Schüler am Liceum steht der deutschsprachigen Minderheit offen gegenüber und sieht Polens Zukunft auch in Europa.


Bewundernswert ist es, wie sehr sich die deutschsprachige Minderheit aus Schlesien durchgekämpft hat. Dabei ist das Durchhaltevermögen derjenigen, die in Polen geblieben sind, ebenso erstaunlich wie das derjenigen, die aus Polen ausgewandert sind. Was das Bleiben oder Auswandern immer wieder erschwert hat, waren die jeweiligen gesellschaftlichen Vorurteile in Polen und Deutschland. Die verschiedenen Interviews mit Menschen mit schlesischen Wurzeln machten überdeutlich: Trotz deutscher Großeltern in Schlesien wurden die Auswanderer als „die Polen“ angesehen. Da half es auch nichts, dass  sie in Polen gerade während der Zeit des Ostblocks diskriminiert wurden, weil sie deutsche Vorfahren hatten. Somit waren sie in Polen „die Deutschen“. Diese gegenseitige Ablehnung hat eine lange Geschichte und gipfelte in dem völkerrechtswidrigen Angriff Nazideutschlands auf Polen, der den II. Weltkrieg auslöste.  In deutschen Gefangenenlagern mussten insbesondere Polen und Sowjets viel Leid erdulden. Daran erinnert das Gefangenenlager „Stalag VI“ in Hemer, im heutigen Sauerlandpark. Vor allem sowjetische Gefangene wurden dort miserabel behandelt.


Leider machen auch heute wieder Menschen mit Migrationshintergrund diskriminierende Erfahrungen. Für uns ist es nicht nachvollziehbar, weshalb die Herkunft, auch in der aktuellen Politik in Deutschland, wieder eine so wichtige Rolle spielt. Häufig ist das Angst – Angst, wie wir sie als Schüler vielleicht auch vor einem „Polen-Austausch“ hatte. Jedoch haben wir vor Ort festgestellt, dass Ratibor ein Ort ist, an dem die Menschen einem offen und freundlich begegnen. Unsere negativen Vorstellungen und Gefühle gegenüber Polen wurden durch den Kontakt mit den Menschen wiederlegt. Beklaut hat uns dort niemand, eher bereichert.

Zuletzt aktualisiert am: 06.12.2018