Schule wie zu Kaiserszeiten

Peter Schneller legt einer Schülerin die Schüze passen zum historischen Schulkleid an, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Peter Schneller legt einer Schülerin die Schüze passen zum historischen Schulkleid an, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 04.07.2017
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"Kerzengerade sitzen, den Rücken nicht anlehnen", ordnet Peter Schneller, langjähriger Museumsleiter des Bochumer Schulmuseums in gespielt strengem Tonfall an. "Hände auf den Tisch und die Füße einen Fußbreit auseinander." – Kaum haben sich die Jungen und Mädchen der 3. Klasse der Ihmerter Grundschule in die historischen Schulbänke gezwängt, geht es auch schon los mit dem militärisch anmutenden Drill der Kaiserzeit. Mit Leihgaben aus dem Bochumer Schulmuseumsbestand wurde der Ständesaal im Altenaer Kreishaus für die Ausstellung des Kreisarchivs „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“ zur Geschichte von Schule und Unterricht im Wandel der Zeit in ein Klassenzimmer um 1900 verwandelt. Als besonderes Bonbon für interessierte Schulklassen lud das Kreisarchiv für zwei Tag das "mobile Schulmuseum aus dem Koffer" mit Museumsleiter Peter Schnelle ein.


Schneller läßt die Schülerinnen und Schüler aufstehen und neben die Schulbank treten. Der morgendliche Gruß und das schnittige Antworten in ganzen Sätzen wollen gelernt sein! Kaiser Wilhelm der II liebte die militärische Ausbildung. Er machte den Matrosenanzug zur Schuluniform - allerdings im Sommer wie im Winter mit kurzer Hose und im Winter meist mit kratzigen langen Strümpfen, die mit Strapsen gehalten wurden. Auch für die Mädchen zaubert der Museumspädagoge die passende Garderobe aus seinem Museumskoffer: ein helles Sommer- und ein blaues Winterkleid samt Schürze. Natürlich darf hier der Tornister nicht fehlen, für die Armen aus Holz und für die etwas besser Gestellten aus Leder. Der kleine Lederranzen mit der großen Klappe ist dem Militärtornister nachempfunden. Hier kann man noch die Jacke oder eine Decke mit einklemmen. „Für die Mädchen reichte ein Tornister mit kleiner Klappe“, erklärt Schneller und schiebt hinterher, dass Frauen erst seit 1894 Abitur machen durften. Lehrerinnen wurden allgemein mit Fräulein angesprochen. Wenn sie ‚unter die Haube kamen‘, also heirateten, mussten sie den Schuldienst aufgeben. „Verheiratete Frauen seien sittlich nicht in der Lage, Kinder zu erziehen“, war damalige Auffassung der Pädagogen.


Zur Kaiserzeit bestand die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer nicht nur darin, ihren Zöglingen Lesen, Schreiben, Rechnen und Gottesfurcht beizubringen. Sie achteten auch streng auf Gehorsam, Ordnung, saubere Fingernägel und Körperpflege. Von einem kleinen Podest aus erteilte der Lehrer seine Anweisungen, Lob und Tadel. Oft wurden falsche Antworten auch bestraft. Züchtigungen mit dem Stock oder langes Knien auf einem Holzscheit waren übliche Disziplinierungsmaßnahmen.


Mit viel Witz, lebendigen Frage- und Antwortspielen und Anschauungsmaterial zum Anfassen hält der gelernte Sozialarbeiter mit Schauspielausbildung die Kinder bei der Stange. Die Begeisterung der Kinder als sie endlich Schreibübungen auf ihren Tafeln machen dürfen, können sich Schulleiterin Silke Roocke und Melanie Pofahl, die das Thema im Sachkundeunterricht vorbereitet hat, nur wünschen. Dabei ist es gar nicht so leicht, den Griffel mit lockerem Handgelenk über die Tafel zu führen, ohne dass es kratzt und quietscht und schon gar nicht in Deutscher Kurrentschrift. Auch der Gebrauch der Gänsefeder oder das Aufziehen der Feder mit Tinte wird gezeigt.


Besonders lebensnah schildert Schneller die Armut vieler Familien in den ländlichen Gebieten oder die schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Essener Unternehmers Krupp, die Kinderarbeit unumgänglich machte. Nebenbei lernen die Schüler in einer Rechenaufgabe einprägsame Geschichtsdaten wie 1888, dem Dreikaiserjahr. Denn als Wilhelm I. am 9. März in Berlin starb, folgte ihm sein an Kehlkopfkrebs erkrankter Sohn Friedrich Wilhelm als Friedrich III. Nach 99 Tagen Regentschaft erlag er am 15. Juni seiner Krankheit und sein ältester Sohn Friedrich Wilhelm, bestieg am selben Tag als Wilhelm II. den Thron als Deutscher Kaiser und König von Preußen. Wilhems Traum, die Seemacht wenn nicht die Weltmacht zu erreichen, zerplatze 1918 mit der Kapitulation Deutschlands im 1. Weltkrieg. Sein Weg führte mit 46 gefüllten Eisenbahnwagons in Exil nach Holland, erzählt Schneller den Grundschülern.


Nach 90 Minuten haben sie einen lehrreichen und unterhaltsamen Eindruck vom Schulalltag um 1900 erhalten. Auch das Burggymnasium Altena und die Grundschule Dahle nutzte das Angebot des Kreisarchivs im Rahmen ihrer Sonderausstellung zum Schulunterricht im Wandel der Zeit. Die Ausstellung mit zahlreichen interessanten Exponaten zum Thema kann noch bis zum 31. Juli im Kreishaus I in Altena, Bismarckstraße 15 besichtigt werden.


 

Grade sitzen in den historischen Schulbänen fällt den Grundschülern nicht leicht, Foto Ulla Erkens/ Märkischer Kreis
Grade sitzen in den historischen Schulbänen fällt den Grundschülern nicht leicht, Foto Ulla Erkens/ Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 04.07.2017