Endlich tragen wir den gleichen Namen!

Lisa weiß, dass Katrin und Reiner nicht ihre leiblichen Eltern sind, Foto Ulla Erkens/ Märkischer Kreis
Lisa weiß, dass Katrin und Reiner nicht ihre leiblichen Eltern sind, Foto Ulla Erkens/ Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 14.03.2018
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Großzügig bewirtet Lisa ihre Gäste mit bunten Plüschmuffins und Feentee. Mit fünf Jahren ist sie groß für ihr Alter, wirkt ausgeglichen und fröhlich. Für ihre Eltern ist sie der reinste Sonnenschein. Lisa weiß, dass Katrin und Reiner nicht ihre leiblichen Eltern sind. Mit 15 Monaten kam das Mädchen als Pflegekind in die Familie. 2017 wurde die Adoption vom Familiengericht ausgesprochen.


Ein Glücksfall, wie Ute Flörke von der Adoptionsvermittlung des Märkischen Kreises weiß: „Eine Adoption ist keine einfache Angelegenheit, sondern vielmehr ein langwieriger Prozess, bei dem das Wohl des Kindes bei allen Beteiligten immer im Vordergrund steht“, sagt sie.


In Lisas Fall wurde der Säugling gleich nach der Geburt für einige Wochen in Obhut genommen. Die ersten Monate des Babys verliefen ziemlich turbulent. Zwei Mal landete es in seinem ersten Lebensjahr in der Bereitschaftspflegefamilie. Dort wurde sie liebevoll aufgenommen und umsorgt. Die Herkunftsfamilie war nicht in der Lage das Kind zu versorgen und behütet zu erziehen. Wegen Verwahrlosung und Vernachlässigung wurde es aus der Familie genommen. Immerhin haben die Eltern es mit ihrer Adoptionsfreigabe ermöglicht, dass Lisa bei liebevollen Eltern aufwächst.


Lisa war 14 Monate als Katrin und Reiner ihre Tochter bei der Bereitschaftspflegefamilie kennen lernte. „Wir waren so überrumpelt, dass wir uns erst gar nicht getraut haben, Fotos von ihr zu machen“, erinnert sich Katrin. Innerhalb von vier Wochen ging alles ganz schnell: Keine Zeit zu überlegen, irgendwie ruckzuck ein Kinderzimmer und die notwendig Ausrüstung zusammenkaufen. Und schon überrollte Lisa auch schon das Leben von Reiner und Katrin. Schlaflose Nächte, Schreiattacken, und dieser schier unersättliche Appetit, den Lisa mit Schmatzgeräuschen kundtat. Lisa kam erst als Pflegekind zur Familie. „Aber von Anfang an mit Aussicht auf eine Adoption“, macht Reiner deutlich.


  


Kostenlose Vorbereitung und Beratung


Auf ihre Rolle als Adoptionseltern bereitete sich das  Paar durch intensive Beratungsgespräche und eine spezielle Schulung vor, die das Kreisjugendamt jedes Jahr kostenlos für Ehepaare aus ihrem Zuständigkeitsbereich anbietet. „Dabei prüfen wir auch, ob die Familie als Pflege- oder Adoptionsfamilie in Frage kommt und welches Kind eventuell in die Familie passen könnte“, sagt Ute Flörke. Biografie, Motivation, Erziehungshaltung sowie die Bereitschaft, sich vom Jugendamt begleiten zu lassen, sind für sie entscheidende Kriterien für die Auswahl von Pflegefamilien.


„Aus Scherz habe ich mal geantwortet ‚Ich möchte ein Akademikerkind‘. Das kam gar nicht gut an“, flachst Reiner. „Der Intelligenzquotient der leiblichen Eltern sagt wenig darüber aus, wie schlau das Pflegekind ist, welche Veranlagungen, psychischen Belastungen oder eventuellen Entwicklungsstörungen es mitbringt“, kontert Flörke. Heute ist Reiner überzeugt, dass Lisa genau die richtige Tochter ist. „Ihre Hilfsbereitschaft hat sie von mir“, kommentiert er augenzwinkernd. „Lisa ist ein sehr positiver Mensch. Sie sieht die schönen Dinge im Leben“, freut sich Katrin.


Jedes Jahr melden sich so um die sechs Paare für das Grundlagenseminar an. Damit sich Pflegefamilien untereinander vernetzen können, lädt das Kreisjugendamt jährlich zu einem gemeinsamen Wochenende in Attendorn ein. Adoptivfamilien sind hier auch herzlich willkommen. „Das ist wirklich eine schöne Gemeinschaft und es werden jeweils sehr interessante Themen behandelt. Im November war es der Umgang mit digitalen Medien“, erzählt Reiner. „Über den Austausch entwickeln sowohl die Erwachsenen als auch die Kindern das Gefühl, nicht allein in dieser Situation zu sein. Das macht es ein Stück weit normaler“, verdeutlicht Katrin.


 


Geheimnisse schaffen Probleme


Während sich ihre Eltern unterhalten, spielt Lisa in ihrer eigenen Welt. Ab und zu kommt sie herein und präsentiert ein selbst gemaltes Bild oder fragt mit hoher Kochmütze und Schürze, wer noch Hühnersuppe mag, die sie auf dem Puppenherd zubereitet. Heiter, zugewandt und bestimmt sprechen Katrin und Reiner mit ihr. Kurze Zeit der Aufmerksamkeit und Lisa zieht zufrieden wieder ab - ein pflegeleichtes Kind. Von Anfang an haben ihr Katrin und Reiner die Wahrheit über ihre Herkunft erzählt. „Lisa weiß über alles Bescheid“, sagt Katrin. Daher können die Eheleute jetzt auch so offen sprechen. „Wir hoffen, dass uns durch diese Strategie in der Pubertät einige Probleme erspart bleiben“, erklärt der Vater. Das Jugendamt und das Familiengericht legen viel Wert auf diese Ehrlichkeit. „Geheimnisse schaffen immer Probleme“, weiß Ute Flörke aus Erfahrung. Gerade im ländlichen Raum lässt sich so leicht nichts verheimlichen und irgendwer verplappert sich immer. Auch hat Lisa ein Recht darauf zu erfahren, woher sie kommt und wer ihre leiblichen Eltern sind. Zu denen besteht allerdings kein Kontakt. Ihren älteren Bruder trifft Lisa aber ab und zu. „Wenn sie älter ist, kann sie ja den Kontakt mit ihren leiblichen Eltern suchen. Im Moment würde das alle Beteiligten eher überfordern“, meint Katrin.


Was Lisa von Anfang an brauchte, war Sicherheit. Damit sich ein Urvertrauen wachsen kann, muss sie erst hundertprozentige emotionale Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren. Die liebevolle Fürsorge und Geborgenheit tut Lisa gut. Mit der Zeit lernte Lisa auch auf ihren Bauch zu hören und zu merken, wann sie satt war. Im Kindergarten fand sie sich gut ein. Natürlich gab es Phasen, wo nicht alles rund lief. „Aber zum Glück trägt Lisa nur einen kleinen Rucksack“, sagt Katrin.


In der Adoptionspflege wird das Sorgerecht einem Vormund übertragen. Jedes Mal wenn die Pflegefamilie im Urlaub ins Ausland fuhr, musste sie sich erst eine Genehmigung einholen. „Das war auch schon die größte Einschränkung“, erklärt Katrin. Zwischen der Familie und dem Vormund entstand bald ein vertrauensvolles Verhältnis.


Nach mehr als zweijährigen Adoptionsverfahren freut sich Lisa, endlich den gleichen Nachnamen wie Katrin und Reiner zu tragen. „Gefühlsmäßig hat sich bei uns nichts geändert“, erklärten die Adoptiveltern. Rechtlich haben sie jetzt das alleinige Sorgerecht und kommen für den Unterhalt des Kindes auf. Auch ist Lisa ihnen gegenüber erbberechtigt. „Mit der Adoption sind alle verwandtschaftlichen Beziehungen zu den leiblichen Eltern und Geschwistern rechtlich beendet“, ergänzt Flörke.


Katrin und Reiner spüren gegenüber den leiblichen Eltern so etwas wie Dankbarkeit: „Sie hätten die Adoption ja auch ablehnen können“. Zuerst hat sich der Vater entschieden. Er wollte nach einem Entzug einen kompletten Neustart für sein Leben. Gleichzeitig war es ihm wichtig, Lisa eine langfristige Perspektive in einer anderen Familie zu eröffnen. Die Mutter ausfindig zu machen war schwierig. Was folgte, beschreibt Ute Flörke als einen „anstrengenden, emotionsgeladenen Auseinandersetzungs- und Selbstfindungsprozess“. „Die Entscheidung will wohl überlegt sein. Sie lässt sich nicht mehr zurückholen“, macht die Sozialpädagogin deutlich.


 

Zuletzt aktualisiert am: 14.03.2018