Stuhl mit Innenleben

Exponat des Monats auf der Burg Altena

Der Eichenstuhl aus dem Depot vor der Aufbereitung, Foto: Sina Petermann/Märkischer Kreis
Der Eichenstuhl aus dem Depot vor der Aufbereitung, Foto: Sina Petermann/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 30.07.2018

Um die Polsterung eines Eichenstuhls der Jahrhundertwende geht es beim Dokument des Monats der Museen des Märkischen Kreises auf der Burg Altena. Es ist das letzte Projekt von Sina Petermann. Ihr Freiwilliges Soziales Jahre (FSJ) in der Denkmalpflege bei Holger Lüders, dem Restaurator und Konservator in den Museen des Märkischen Kreises, neigt sich dem Ende entgegen. „Den etwas lädierten Stuhl, den der Märkische Kreis 1978 aus einem Privatbesitz in Elverlingsen erworben hat, haben Holger Lüders und ich im Kunstgutdepot gefunden. An ihm lässt sich die besondere Polsterung in mehreren Schichten gut demonstrieren“, sagt Sina Petermann. Ihre erste Aufgabe war es, das gute Stück ordentlich aufzubereiten: „Die Holzteile des Stuhles habe ich vorsichtig mit dem Lösungsmittelgemisch  Isooctan/Isopropanol und Watte gereinigt. Danach trug ich eine dünne Schicht Hartwachs auf und polierte es“, erklärt die 21-jährige. Danach wurde die lederne Sitzfläche abgesaugt und vorsichtig mit warmen Wasser und Lederseife abgerieben. Zur Pflege gab es noch etwas Lederfett oben drauf.


Der Eichenstuhl wurde um 1900 im Stil des Engländers George Hepplewhite, eines bekannten englischen Kunsttischlers des ausgehenden  18. Jahrhundert, produziert. Charakteristisch für Hepplewhites Stühle ist, dass man sie aus Mahagoni mit festen geraden, durch Stege verfestigten Beinen baute und Lehnen in Schild-, Herz-, oder Rechteckform fertigte. Ihre Füllungen konnten unterschiedlich sein und wechselten häufig zwischen verschieden angeordneten Stäben, naturalistischen Motiven, wie Ährenbündel oder Federn sowie medallionartigen Aussparungen.


 „Anhand der verwendeten industriell angefertigten Nägel, der fehlenden Spuren älterer Polsterungen mit handgeschmiedeten Nägeln, moderner Jutegurte, maschineller Hobelschläge, vorgefundener Stahlfedern sowie scharfkantiger Rahmenhölzer der Zarge ist zu vermuten, dass dies kein original Hepplewhite-Stuhl sein kann“, erklärt Restaurator Holger Lüders. Interessant ist für ihn besonders die Polsterung, die bei dem Stuhl zu Tage tritt.


Bei der sogenannten Federpolsterung wurde auf ein Gestell aus Eiche kreuzweise Jutegurte gespannt und mit Gurtnägeln fixiert. Nun folgten die Federn. Um diese in ihrer Position zu halten, nähte man sie auf die Gurte auf, verschnürte sie miteinander durch Hanfschnüre und nagelte diese an den inneren Stuhlzargen fest. Um die Federkraft des Polsters langfristig aufrechtzuerhalten, bog man  Spiralen aus Draht. Bei dem ausgestellten Exponat sind die Drahtfedern durch die sogenannte „Französische Schnürung“ miteinander verbunden und werden so an ihrem Platz gehalten. Eine Schicht aus Palmfasern umfasst von einem Jutegeflecht trennte Federn und Rosshaar.  Die folgende Polsterschicht bildete eine Rosshaarauflage aus Mähnen- und Schweifhaaren von Pferden, Ochsen, Kühen, Schweinen und Ziegen. „Durch die Bearbeitung der Haare mit Wasserdampf kräuselten sich diese und erlangten ihre besondere Elastizität“, hat Sina Petermann durch ihre Recherchen in der Fachliteratur  gelernt. Ein elfenbeinfarbiges Baumwollgewebe, genannt Nessel, umhüllte die anderen Schichten des Polsters. Zum Schluss brachte man das Leder mit Ziernägeln aus Messing an den äußeren Stuhlzargen an. Als positiven Nebeneffekt schützten die Nägel die Kanten der Stühle vor Stößen.


Das Exponat des Monats ist zusammen mit weiteren Informationen und Konstruktionszeichnungen in den Museen der Burg Altena zu sehen. Wer sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege interessiert, sollte an die Jugendbauhütte NRW-Rheinland wenden, einem Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste, die diese spezielle Art des FSJ vermittelt.

In der Vitrine auf der Burg Altena treten die inneren Werte des gepolsterten Eichenstuhls ( ca. 1900) zu Tage, Foto: Sina Petermann/Märkischer Kreis
In der Vitrine auf der Burg Altena treten die inneren Werte des gepolsterten Eichenstuhls ( ca. 1900) zu Tage, Foto: Sina Petermann/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 31.07.2018