In Schlesien bin ich der Deutsche – in Deutschland der Pole

Willibald Jan Fabian erzählte den Schülerreporten von den Anfängen des Deutschen Freundeskreises im polnischen Partnerkreis Ratibor
Willibald Jan Fabian erzählte den Schülerreporten von den Anfängen des Deutschen Freundeskreises im polnischen Partnerkreis Ratibor

Pressemeldung vom 21.09.2018
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Der Besuch des deutschen Minderheitssenders Radio „Mittendrin“ in Ratibor war am Samstag, 15. September, der erste gemeinsame Programmpunkt der sechs Schülerreporter aus dem Märkischen Kreis und dem Partnerkreis Ratibor. Das Internetradio ist ein Projekt des Deutschen Freundschaftskreises im Bezirk Schlesien (DFK) und fungiert als Informationsportal der deutschen Minderheit. Redakteurin Anita Pendzialek, die die Gruppe während des Aufenthalts auch als Übersetzerin begleitete, präsentierte den Besuchern, den mit viel Handarbeit und einer guten Portion Improvisation ausgestatten Senderaum. Hier werden Sendungen für verschiedene Altersgruppen wie beispielsweise das Jugendmagazin Mittendrin, das Kinderjournal I love keks, ein Schlager-Wunschkonzert sowie ein Magazin für die deutsche Minderheit produziert. Daneben gibt es noch das „Wochenblatt“ und die „Oberschlesische Stimme“ als deutschsprachige Medien. Aus Oppeln wird ein Fernsehjournal über Youtube gesendet. Die deutsche Sprache hat auch Eingang in die Bildungsinstitutionen gefunden. So gibt es beispielsweise in Tworkau eine deutschsprachige Kindergartengruppe. An einigen Schulen, wird Deutsch als Muttersprache mit Landeskunde und Geschichte gelehrt.


All dies wäre undenkbar ohne das Engagement des Deutschen Freundeskreises (DFK). Als einen der Männer der ersten Stunde, stellte Anita Pendzialek den Schülern Willibald Jan Fabian vor. Er setzte sich schon seit den 70-er Jahren für die Gründung einer Minderheitenorganisation ein. Unter dem kommunistischen Regime (1944 – 1989) war das allerdings wenig aussichtsreich. Im Gegenteil: den Deutschen war es nicht erlaubt, deutsch zu sprechen und ihre Kultur zu pflegen. „Selbst die Vorratsgefäße in der Küche für Salz oder Mehl durften damals keine deutsche Aufschrift tragen“, erzählt die Journalistin. Nicht ohne Folgen: Nur ihre Oma spricht noch deutsch, ihre Eltern können nur polnisch. Auch waren die Deutschen zu dieser Zeit einigen Repressalien ausgesetzt.


„Wir wurden nicht verfolgt, aber wir standen unter misstrauischer Beobachtung“, erzählt Fabian von der Zeit ab 1984, als einige Initiativgruppen begannen, sich in privaten Wohnungen zu treffen. Sie formulierten Anträge auf Registrierung, um den Deutschen Freundeskreises in Polen zu legalisieren. Mit der Wende 1989 nahm das Thema bei der deutschen Minderheit weiter Fahrt auf. Im Januar 1990 war es endlich soweit, der DFK wurde anerkannt und es wurden die ersten sozial-kulturellen Gesellschaften der Deutschen Minderheit gegründet. Im Ratiborer Land traten dem DFK 25.000 Personen bei. Nach den ersten Parlamentswahlen der neuen Republik Polen gehörte Willibald Jan Fabian zu den sieben Vertretern der deutschen Minderheit im Stadtrat. „Wir hatten ganz schön Pudding in den Beinen und waren erstaunt, wie nett und freundlich wir von den Polen im Rat aufgenommen wurden“, gesteht der heute 80-jährige Fabian. Heute hat er mehr polnische als deutsche Freunde, wie er sagt. Zu seinen politischen Erfolgen als Interessensvertreter der deutschen Minderheit, zählt er vor allem den Wiederaufbau des Eichendorff-Denkmals in Ratibor. Es war beim Einmarsch der Roten-Armee im Frühjahr 1945 abgetragen worden. Der deutsche Dichter der Romantik wurde 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor geboren. Das Schloss ist heute eine Ruine. In der Nähe befindet sich aber das Oberschlesische Eichendorff- Kultur- und Begegnungszentrum, das die Schülerreporter bei ihren Recherchen ebenfalls besuchten.


Zurück zu Willibald Jan Fabian: Im Stadtrat verlor die deutsche Minderheit bald an Bedeutung und Fabian wurde nicht wiedergewählt. „Uns mangelt es bis heute an politischen Führungspersönlichkeiten und an einem konkreten Programm“, kritisiert Fabian. Da dem Baumeister in Polen in den 90-er Jahren die Aufträge wegbrachen, suchte er sein Glück in Deutschland. Unter Vertrag eines deutschen Bauunternehmens erledigte er zehn Jahre lang Bauaufträge kreuz und quer in der BRD. In dieser Zeit wohnte er bei seinem Bruder in Werdohl. Dort regte der Schlesier eine Partnerschaft zwischen dem Schwimmverein Werdohl 08 und der SMS MKS Victoria Ratibor an. Heute lebt der Rentner mit seiner Frau in Ratibor und ist ehrenamtlich immer noch aktiv. Über die DFK-Chronik des Ratiborer Landes hat er jüngst ein Buch veröffentlicht.


 


 


 

Einmal Probe sitzen im Senderaum des deutschsprachigen Radio Mittendrin, Christian Geng und (stehend) Enes Senkulak. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis.
Einmal Probe sitzen im Senderaum des deutschsprachigen Radio Mittendrin, Christian Geng und (stehend) Enes Senkulak. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis.
Anita Pendzialek, Redakteurin des Internetradios "Mittendrin" informiert die Schülerreporter über die deutschsprachige Medienlandschaft in Schlesien, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis.
Anita Pendzialek, Redakteurin des Internetradios "Mittendrin" informiert die Schülerreporter über die deutschsprachige Medienlandschaft in Schlesien, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis.
Zuletzt aktualisiert am: 21.09.2018